Interview – Jugend- und Leistungssport in Corona-Zeiten

Die weltweite Corona-Pandemie seit Anfang letzten Jahres hat so manche Bereiche des öffentlichen Lebens in die Knie gezwungen. Auch Sportdeutschland und insbesondere der Wassersport, ob motorisiert oder nicht, mussten sich mit den Besonderheiten des Virus in all seinen Auswirkungsformen auseinandersetzen. Nahezu die komplette motorisierte Wassersportsaison 2020 kam zum Erliegen. Wie es mit der diesjährigen Jugend- und Rennsaison aussieht, welche Auswirkungen die Pandemie auf unseren Sport hat, beantworten die DMYV Funktionsträger Nadine Kössler, Bundesjugendvorsitzende und Wolfram Marek, Leiter des Referats Leistungssport.

Liebe Frau Kössler, lieber Herr Marek die Corona-Pandemie hat uns alle und jeden Bereich des menschlichen Lebens überrascht, zum Teil hart getroffen und enorm eingeschränkt. Wie haben Sie den ersten Lockdown erlebt und welche Auswirkungen hatte dies auf den Jugend- und Leistungssport des DMYV?

W. Marek: Zunächst einmal freue ich mich sehr, dass unsere Meinungen und Äußerungen zu diesem Thema gewünscht sind. Ich denke ich spreche für uns beide, denn wir fühlen uns sehr wohl im DMYV, ich im MYV-SH und Nadine im LVM-RLP, die Kollegen und Kolleginnen sind alles Klasse Mitstreiter/innen und es macht jeden Tag aufs Neue Spaß und Freude jegliche Aufgaben zu bewältigen. Die Jugend liegt uns sehr am Herzen und der Motorbootsport im Allgemeinen und der Leistungssport per se sind meine persönliche Passion. Nicht zuletzt konnte ich meinem Enkel Luca die Schönheit dieses Sports näherbringen, sodass sein Wunsch nach einer Fahrerlaubnis wuchs und mittlerweile der Antrag zur Ausstellung einer Lizenz auf seinem Schreibtisch liegt.
N. Kössler (lacht): Super Wolfram! Wir freuen uns immer über neue Nachwuchssportler. Ich schließe mich Wolfram voll und ganz an.

Um direkt auf den Kern des Pandemie-Problems zu kommen, können Sie beschreiben, wie die Kinder und Jugendlichen den Saisonausfall aufgenommen haben und im letzten Jahr damit umgegangen wurde? Die Saison 2020 ist für den Jugend- und Leistungssport des DMYV buchstäblich ins Wasser gefallen.

W. Marek: Natürlich wurden wir in Schleswig-Holstein genauso von dem Virus und dem Lockdown überrumpelt, wie viele andere auch. Wir haben uns jedoch nicht von der Pandemie abschrecken lassen und im 3. Quartal 2020 den Lockdown genutzt, um kleine wassersportliche Freiluft-Veranstaltungen durchzuführen. Wir waren ebenso erfreut, dass es in anderen Landesverbänden des DMYV ebenfalls möglich war den Kindern- und Jugendlichen sowie erfahrenen Rennfahrern die Möglichkeit zu bieten ihren so geliebten Sport beschränkt auszuüben. Das positive unserer Bemühungen war das Ergebnis, dass es keine Erkrankungen gab. Ich möchte aber auch betonen, dass es fast nichts Wichtigeres im Leben gibt als die Gesundheit.
N. Kössler: Ja, das stimmt. Gesundheit ist eine der wichtigsten Angelegenheiten im Leben. Auch die Bundesjugend wurde von den Ereignissen des letzten Jahres überrascht. Das alle Bestrebungen hinsichtlich unser Jugendveranstaltungen erst zum Erliegen kamen und anschließend schweren Herzens abgesagt wurden, hat die Schlauchbootsportler/innen und MS11-Fahrer/innen hart getroffen. Die Bundesjugend hat diese wenigen Events im Jahr, an denen alle aus allen Teilen Deutschlands zusammenkommen. In der Vergangenheit war es immer schön anzusehen, wie sich die Kinder und Jugendliche im Rahmen des Wettkampfs gefreut haben aufeinander zu treffen, sich auszutauschen und zu flachsen. Da herrschte immer eine fantastische Atmosphäre, die im letzten Jahr leider nicht erlebt werden konnte. Schlimm war auch für viele das fehlende Training, denn in einigen Vereinen war dies aufgrund der Corona-Situation nicht möglich. Da merkt man schon bei sich selbst aber auch bei den Kindern und Jugendlichen, dass da ein Teil soziales Miteinander nicht stattfinden kann. Mal ganz abgesehen von den sportlichen Aspekten wie Ehrgeiz, Fortschritt und Entwicklung.
W. Marek: In Schleswig-Holstein hatten wir auch ein wenig das Glück auf unserer Seite, da anfangs keine hohen Infektionszahlen gemeldet wurden. Glücklicherweise ist die Saison nicht Kopf über ins Wasser gefallen. Die Fahrer/innen waren froh, dass zumindest einige Trainingseinheiten und, wie bereits erwähnt, kleine Veranstaltungen durchgeführt werden konnten. Selbstverständlich unter Berücksichtigung der Corona- und Hygienerichtlinien. Das war für die Teilnehmenden, die ja aufgrund des Sports sowieso ein hohes Maß an Disziplin aufweisen, eine neue Erfahrung die von jedem super angenommen und umgesetzt wurde. Da ist niemand übers Ziel hinausgeschossen.

Wurden Sie von der Politik und verantwortlichen Institutionen ausreichend unterstützt?

N. Kössler: Ja absolut! Nicht zuletzt haben das Präsidium des DMYV, die Landesverbände und viele weitere freiwillige Helfer/innen an Konzepten zu Übergangsregeln zur Wiederaufnahme des Sportbetriebs in Motorsportvereinen gearbeitet. Dies wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund ins Leben gerufen, deren Hauptaufgabe war es während den starken Einschränkungen des öffentlichen Lebens, Sportdeutschland aktiv zu halten. Daraus resultierten die Hygiene-Standards des DOSB und die DOSB-Leitplanken, die auch in anderen Sportarten den Wiedereinstieg unterstützten.
W. Marek: Das sehe ich genauso. Besonders lobenswert waren die Arbeiten und Unterstützungsleistungen der Landessportbünde. Diese haben sich stets darum bemüht die sportliche Ausübung in allen Formen aufrecht zu erhalten.

Denken Sie, dass sich das Niveau der Rennfahrer sowie Kinder und Jugendlichen aufgrund der schleppenden Saison 2020 verschlechtert hat?

W. Marek: Unmöglich! In vielen anderen Ländern wurde ebenso wenig, wenn nicht sogar überhaupt nicht gefahren. Dahingehend stagniert das Niveau (zwinkert). Nein, im Ernst. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Leistungen aufgrund einer schleppenden Saison verschlechtert haben. Dafür haben unsere Sportler zu viel Ehrgeiz.
N. Kössler: Auf gar keinen Fall! Das Niveau war vor der Pandemie recht hoch und ein Jahr Pause oder auch nur geminderte Trainings- und Wettkampfeinheiten werden daran nicht rütteln. Wenn ich ein Jahr lang kein Auto mehr fahre, dann bin ich ja nicht sofort eine schlechtere Fahrerin. Die Eingewöhnungszeit kann natürlich bei dem einen oder anderen etwas länger ausfallen, hat aber mit dem fahrerischen Können letztendlich nichts zu tun.

Wir die Wassersportsaison 2021 die gleiche, eine höhere oder eine niedrigere Teilnehmerzahl als in den Vorjahren haben?


N. Kössler: Da Wolframs Enkel nun dabei ist, wird es eine höhere Teilnehmerzahl geben (lacht). Das ist schwer zu sagen. Grundsätzlich ist die Nachwuchsgewinnung, wie in vielen anderen Sportverbänden, eine zentrale Aufgabe. Ich denke aber nicht, dass sich aufgrund eines Jahres „Pause“ viele leidenschaftliche Sportler unserer verschiedensten Klassen davon abhalten lassen, weiterzumachen.
W. Marek: Absolut, Nadine. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mindestens genauso viele Teilnehmer haben werden wie im Jahr 2019.

Besteht ein Hygienekonzept für Veranstaltungen?


W. Marek: Selbstverständlich! Wie wir vorhin bereits erwähnten, haben sich die Sportverbände Deutschlands in enger Zusammenarbeit mit dem DOSB und den Landessportbünden stets darum bemüht alle erforderlichen Maßnahmen, die zur Ausübung des Sportes unter den herrschenden Gegebenheiten der Corona-Pandemie, zu bewältigen. Daraus resultierten Grundgerüste von Hygienekonzepten, denn jede Sportart und der Veranstaltungsort weisen unterschiedliche Hürden auf, die es gilt, mit in das Konzept einzubauen. Hinzu kommt noch die bestehenden Landesverordnungen, diese müssen ebenfalls für die jeweiligen Hygienekonzepte berücksichtigt werden.

Gehen Sie davon aus, dass alle geplanten Veranstaltungen durchgeführt werden können und werden die Wettbewerbe mit Zuschauern realisierbar sein?


W. Marek: Ich bin ein Realist und denke deshalb, dass alle Veranstaltungen bis Ende Juni gefährdet sind. Was die Zuschauer angeht sehe ich dies noch kritischer. Möglicherweise werden Zuschauer in diesem Jahr leider gar nicht bei den Veranstaltungen dabei sein können.
N. Kössler: Ich sehe dies ähnlich. Die Wettbewerbe der Bundesjugend sollen im Juni starten, mit der Formula Future EM und WM im August bis zu den Deutschen Jugendmeisterschaften im September weitergehen. Aktuell planen wir alle Veranstaltungen rigoros und hoffen, dass wir diese auch durchführen können. Jedoch sehe ich den Juni auch als gefährdet für Veranstaltungen jeglicher Art. Wenn man sich die aktuelle Situation und die Entwicklung des Impfgeschehens und die anhaltenden Infektionen zu Gemüte führt, dann kann es natürlich sein, dass in der zweiten Jahreshälfte Wettbewerbe und Veranstaltungen realisierbar sind. Man wird sehen.

Worauf bereiten Sie sich, vor dem Hintergrund der Erfahrungen des letzten Jahres, für die Saison 2021 vor?


W. Marek: Da möchte ich kurz und knapp antworten. Man sollte sich stur an die Hygieneregeln halten. Eigene Interessen und Vorlieben zurückstellen und im Sinne des Sports und der Gesundheit auch gerne mal auf etwas verzichten.
N. Kössler: Wichtig ist vor allem, das Infektionsrisiko gering zu halten. Wir bereiten uns genauso vor, wie in allen Jahren zuvor auch. Zusätzlich nehmen wir jedoch die Hürde der Hygienevorschriften und Auflagen ernst und binden diese in unseren Sport ein. Ich kann mir vorstellen, dass einige Erfahrungen aus dem letzten Jahr mit in die Zukunft genommen werden.

Wird die Pandemie langfristige Einflüsse auf den Jugend- und Leistungssport im DMYV haben?


W. Marek: Nein! Wenn es irgendwann wie gewohnt weitergeht, also die Impfungen gemacht wurden und das Infektionsrisiko auf ein Minimum geschrumpft ist, dann wird es meiner Meinung nach sogar noch besser, denn dann wissen wir, was wir an unserem Sport haben und wissen auch die kleinen Dinge, die uns der motorisierte Wassersport bietet, zu schätzen.
N. Kössler: Ein schöner Abschluss.

 

 

 

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